Mathias.Boewe@t-online.de (Mathias Böwe):
>Gerd Schweizer wrote:
>
>> Elke Bock schrieb:
>> > Gerd Schweizer schrieb:
>> >
>> >> Da werden die eingelieferten Unfallpatienten aufgeteilt in
mit
>> >> Fahrradhelm und ohne. Von den 27-64 jährigen
eingelieferten Patienten
>> >> hatten beim Unfall 29 einen Fahrradhelm auf und 242 keinen
Fahrradhelm.
>> >
>> > Was genau daran findest du interessant?
>> Daß etwa achtmal so viele ohne Helm wegen solcher Verletzungen
ins
>> Krankenhaus mussten wie die mit Helm.
>Würde Dich denn auch eine Studie, nach der in Rom mehr als zehnmal so
>viele Katholiken wie Mennoniten unfallbedingte Verletzungen erleiden, zu
>dem Schluß führen, daß es gefährlich ist, der
katholischen Konfession
>anzuhängen?
Schönes Beispiel. Wenngleich ich Zweifel habe, ob er es versteht. Oder,
wenn doch, ob er öffentlich zugibt, es zu verstehen.
Mein nachfolgender Versuch, Problem und Lösung zu illustrieren, aus
<http://0x1a.de/static/helmkampagne1/konzertierte
aktion.html#Helmtragequoten>
ist etwas weitschweifiger und ohne das HKS-Pamphlet, auf das es sich
bezieht, vielleicht auch nicht so gut zu lesen. Aus diesem Pamphlet
stammt jedenfalls der Satz
"Annähernd 85% der schädelhirntraumatisierten Fahrradfahrer
trugen
keinen Helm".
Das ist inhaltlich dieselbe Aussage wie oben, es werden die beim Arzt
erscheinenden kopfverletzten Radfahrer danach ins Verhältnis gesetzt, ob
sie einen Helm trugen oder nicht. Nur das Verhältnis ist hier
unwesentlich anders.
Auch dort wird interessanterweise :-} sorgfältig vermieden, daraus
explizite Schlüsse zu ziehen, der Fehlschluß wird - m.E. ganz
bewußt -
dem Leser suggeriert und überlassen:
"85%*), das ist viel, das heisst ja, dass sechs mal so viele
Radfahrer ohne Helm ein Schädelhirntrauma erleiden als die mit
Helm!"
(Soweit noch nicht falsch. Aber was soll uns das sagen?)
"Also ist Radfahren ohne Helm sechs mal so gefährlich wie Radfahren
mit Helm!"
(Falsch!)
"Nun gut, aber es zeigt doch wenigstens, daß Radfahren mit Helm
sicherer ist als Radfahren ohne Helm."
(Nein, immer noch falsch. Es zeigt, daß mehr Radfahrer
ohne Helm fahren als mit Helm)
"Das meine ich doch! Es zeigt, daß sich zu wenige
Radfahrer schützen!"
(?? Gerade ging es doch darum, ob Helme dazu geeignet sind.
Es verunglücken auch sehr viel weniger Radfahrer, die eine von diesen
lustigen Gummifiguren am Lenker haben, als solche, die das nicht
haben. Schützen deswegen diese Gummifiguren vor Unfällen?)
"Ok, sehe ich ein. Also kann man mit dieser Angabe
rein gar nichts anfangen??"
(Ja und nein. Für sich genommen ist die Angabe in der Tat wertlos.
Mit einer Zusatzinformation aber keineswegs. Nur: dieses Verhältnis
1:6 besagt dann keineswegs das, was suggeriert werden soll. Sondern
in der Tendenz eher das Gegenteil - Radfahren mit Helm ist
UNSICHERER.)
Erklärung
Ohne eine Angabe einer Helmtragequote in der Grundgesamtheit der
Radfahrer ist die obige Angabe einigermaßen nutzlos. Denn erst diese
Quote erlaubt die Feststellung, ob im Zusammenhang mit dem Helmtragen
tatsächlich weniger Fahrradfahrer ein Schädelhirntrauma erleiden.
Ein Rechenbeispiel:
Nehmen wir beispielsweise an, daß von 1000 Radfahrern 300, also 30%
einen Helm tragen. Nehmen wir an, daß einige dieser Radfahrer so schwer
verunglücken, daß sie ein SHT erleiden. Auf den genauen Anteil
kommt es
hier nicht an. Nehmen wir also der Einfachheit halber an, daß jeder
Zehnte schwer verunglückt, daß also von den 100 Radfahrern, die so
schwer verunglücken, daß sie ohne Helm auf jeden Fall ein SHT
erlitten
hätten und im Krankenhaus gelandet wären, ebenfalls 30%, also 30
Personen einen Helm tragen, 70 Personen aber nicht. Dann würden bei
einem völlig unwirksamen Helm genau 70% der
schädelhirntraumatisierten
Radfahrer keinen Helm tragen, wenn sie im Krankenhaus auftauchen. Denn
es würden ja unterschiedslos alle 100 Personen, 30 Helmträger und 70
andere, im Krankenhaus auftauchen.
Bei einem 100%ig wirksamen Helm hingegen würde kein einziger der
aufgenommenen 70 Radfahrer einen Helm getragen haben. Bei einem 50%ig
wirksamen Helm, der im Mittel jeden zweiten der Helmträger schützte,
würden in unserem Beispiel nur 85 Radfahrer in der Neurologie
auftauchen, denn die restlichen 15 wären ja von ihrem Helm geschützt
worden, 70 ohne Helm, 15 mit. 82%. Bei 60% Wirksamkeit des Helmes
wären es 70 ohne Helm, 12 mit Helm, 85% der
schädelhirntraumatisierten
Fahrradfahrer hätten keinen Helm getragen.
Das käme also hin: annähernd 85% der schädelhirntraumatisierten
Fahrradfahrer trügen in diesem Rechenbeispiel keinen Helm, bei einem zu
60% wirksamen Helm und einer Helmtragequote von 30%.
Aber das war, wie gesagt, nur ein Rechenbeispiel. Denn die Frage ist
natürlich: wie hoch ist die Helmtragequote wirklich? Und da wird es
wirklich spannend.
Helmtragequoten
Die Bundesanstalt für Straßenwesen erhebt und veröffentlicht
nämlich
regelmäßig Helmtragequoten.
"Wie im Vorjahr trugen 6% der Fahrradfahrer im Jahr 2005 einen
Schutzhelm, so dass der Gesamtanteil der schutzhelmtragenden
Fahrradfahrer weiterhin auf einem niedrigen Niveau bleibt."
(Quelle:
http://www.bast.de/cln 007/nn
40694/DE/Publikationen/Fachliche/Infos/2007-2006/01-2006.html)
Diese Gesamtzahl setzt sich aus einer hohen Helmtragequote bei Kindern
und einer zwischen 2 und 4% schwankenden bei Erwachsenen zusammen.
Von 1000 Radfahrern tragen also 60 einen Helm. Nehmen wir wieder an, daß
ein Zehntel davon, also 100 verunfallen davon tragen 6 Personen einen
Helm.
Eigentlich müsste jetzt schon offensichtlich sein, wo hier der Hase im
Pfeffer liegt. Selbst wenn wir wie oben der Rechnung wegen annehmen, daß
ein Helm überhaupt keine Schutzwirkung hat, würden dann 94% der
schädelhirntramatisierten Radfahrer keinen Helm getragen haben.
Wenn aber, so wie Herr Prof. Dr. Bock berichtet, es nur rund 85% sind,
die nach einem Radunfall ohne Helm schädelhirntraumatisiert in der
Neurologie auftauchen, also reichlich doppelt so viele (15% statt 6%)
Helmträger in der Neurologie auftauchen wie anteilig in der radfahrenden
Bevölkerung vorhanden sind, dann müssen wir aufgrund dessen annehmen,
daß ein Helm nicht nur nicht schützt, sondern daß er eventuell
sogar
schadet, weil sich mit dem Helmtragen das Risiko eines Radfahrers, ein
Schädelhirntrauma zu erleiden, deutlich erhöht .
Wenn wir also annehmen, daß die vorgelegten Zahlen etwas über die
Wirkung von Fahrradhelmen aussagen, und das wird ja offenbar
unterstellt, dann sagen sie aus, daß das Tragen eines Fahrradhelms das
Risiko eines Schädelhirntraumas mehr als verdoppelt!
Die Aufforderung zum Helmtragen ist also absurd
Wir können daraus nun unterschiedliche Schlüsse ziehen. Entweder ein
Helm schadet tatsächlich in diesem Umfang, oder die Zahlen, mit denen
hier argumentiert wurde, sind wertlos. In beiden Fällen empfiehlt sich
allerdings, der gegebenen Empfehlung, einen Fahrradhelm zu tragen, vor
allem aber der Forderung nach einer Helmpflicht mit gebührendem
Mißtrauen zu begegnen. Die Forderung ist nicht nur wegen des in
Relation zu anderen alltäglichen Betätigungen vergleichbar
geringfügige
Risikos unsinnig, sie ist angesichts der nicht nachgewiesenen
Schutzwirkung (um nicht zu sagen: wegen der von Herrn Prof. Dr. Bock
belegten Schadwirkung) regelrecht absurd..
"Als Neurochirurg habe ich viele schwer verletzte Menschen behandeln
müssen, die von einer Sekunde auf die andere mit gravierenden
gesundheitlichen Einbußen leben müssen. Ein Kopfschutz hätte
die
schweren Verletzungen verhindert."
Dies mag vielleicht so sein, obwohl sowohl der große Feldversuch in
Australien [2] als auch die hier pro Helm angeführten Zahlen eher das
Gegenteil nahelegen.
Übel an diesem Satz ist (genau so wie an dem Rosstäuschertrick, mit
dem
die Pressemitteilung begann, siehe oben), daß die weitaus meisten
Menschen, von denen Herr Prof. Dr. Bock hier so anrührend spricht, gar
keine Radfahrer gewesen sein dürften, sondern z.B. Menschen, denen beim
Fensterputzen der Tretschemel umgekippt ist, die eine Treppe
hinuntergefallen sind, oder auch Autofahrer, die im Auto, oder
Fußgänger, die beim Benutzen eines Zebrastreifens keinen Helm
getragen
haben und "deswegen" (wie es gerne in diesen Zusammenhängen
geschrieben
wird, wenn von Radfahrern die Rede ist), eine schwere oder tödliche
Kopfverletzung erlitten haben.
"Wenn jedoch die Schutzwirkung des Helms noch immer von zu wenigen
Radfahrern ernst genommen wird, kann durch die Einführung einer
Helmpflicht für Fahrradfahrer hier Abhilfe geschaffen werden."
schreibt Prof. Bock abschließend in seinem als Leserbrief
veröffentlichten Pamphlet der Hannelore-Kohl-Stiftung. Da wird er wohl
recht haben. Die Schutzwirkung des Helms wird von den meisten Radfahrern
nicht ernst genommen, weil sie eine Chimäre ist, ein Fabeltier, der
Phantasie entsprungen. Die gelegentlich angeführten wissenschaftlichen
Belege sind, soweit ich sie kenne, Verweise auf, oder schlechte Kopien
einer verstaubten und methodisch ziemlich zweifelhaften Vorlage, der
sog. Seattle-Studie von Thompson & Rivara [3].
Genaueres dazu konnte man schon vor zehn Jahren im Web nachlesen,
deswegen wiederhole ich es hier nicht.
<snip>
*) es ist auch eine magische Zahl, weiß man doch seit Thompson und
Rivara, daß Helme auch 85 % aller Kopfverletzungen von Radfahrern
verhindern und seit Sacks et al , daß sogar 85% aller Todesfälle von
Radfahrern in den USA durch Helme hätten verhindert werden können.
(Nein, sie haben das nicht herausgefunden, sie haben einfach die Zahlen
von T&R (die aber immerhin niemanden darüber im Unklaren ließen,
daß
hier jede noch so kleine "Kopfverletzung" oberhalb des Nackens, auch
eingerisse Ohrläppchen etc. mitgezählt wurden) genommen und den (eh
schon getürkten) Schutzfaktor kurzerhand auf alle Todesfälle
übertragen.
Aber es gibt noch bessere Zahlen, z.B. die von Cook+Sheik, nach denen
ein Helm deutlich über 100% effektiv ist, daß also die Helme von
zwei
Helmträgern nicht nur diese 100%ig schützen, sondern auch noch
mindestens einen weiteren unbehelmten Radfahrer ebenfalls zu 100%. Wenn
das keine Magie ist! Spaß beiseite - es gibt auf diesem Gebiet wohl kaum
einen Mist, der nicht trotzdem publikationsfähig ist.
[2] http://www.ingokeck.de/publikationen/radhelm/rhwirkungslos/
Scuffham, P.A., & Langley, J.D., Trends in Cycle Injury in New
Zealand Under Voluntary Helmet Use, presented at the Third International
Conference on Injury Prevention and Control, Melbourne, Australia,
February 1996.
Published in Accident Analysis and Prevention (Vol 29, No. 1, pp 1-9,
1997)
[3] Siehe dazu
http://www.ingokeck.de/alte
seiten/verkehr/seattle89kritik.html
--
Radhelme sind die Bachblüten des Straßenverkehrs